Die Parkbank

Theaterstück

Szene 1

Leerer Raum, rechts im hinteren Bereich steht eine Sitzbank, auf der ein Mann mittleren Alters sitzt. Er trägt einen verwaschenen alten Anzug, die Krawatte hängt locker und halbherzig geknotet herunter. Neben ihm liegt eine Zeitung. Er packt genüsslich einen Sandwich aus einem braunen Papier, beißt hinein und wendet sich an das Publikum.

„Wissen Sie, dass der Käse aus der Schweiz stammt? (kurze Pause) Oder war es Österreich.. (er überlegt kurz, wendet sich seinem Brot zu, öffnet den Sandwich und begutachtet den Inhalt. Zuckt die Schultern, legt den Sandwich wieder ordentlich zusammen und beißt mit einem großen Bissen wieder hinein.

Mit vollem Mund und in zufriedener Stimmung lehnt er sich zurück:

„Ich glaub es war Österreich.“

Er schluckt das Brot herunter, wischt sich kurz den Mund mit dem Ärmel ab und redet munter weiter.

„Ich kenne mich ja ehrlich gesagt nicht so gut aus mit dem ganzen Esszeug, Waren, Kaufrausch und pipapo so das alles. Aber der Geschmack, hm… (er wendet sich wieder seinem Brot zu) der ist wirklich gut.“

Eine weitere Person tritt auf die Bühne, links von der Seite. Eine Frau, mittleren Alters, hochhackige Schuhe, Abendgarderobe, ein kleiner Pudel hinter ihr mit rosa Schleife am Hals. Sie tippt auf ihre Hand, während sie scheinbar blind geradeaus läuft. Sie bemerkt den Mann nicht und verschwindet wieder auf der anderen Seite der Bühne.

Der Mann hat die Frau still beobachtet, blickt ihr nach.

„Meine Fresse, was für’n Arsch!“

Er schiebt sich das letzte große Sandwichstück in den Mund, fährt mit dem Ärmel über seinen Mund und wischt sich die Krümel von der Hose. Dann steht er nach einem kleinen Seufzer auf und geht links von der Bühne ab, wo die Frau hergekommen ist. Die Zeitung lässt er auf der Bank liegen.

Szene 2

Kurz nachdem der Mann abgegangen ist, taucht von links hinten ein junger Mann, schlank, Studententyp, locker und leger gekleidet auf. Er trägt einen Reise-Rucksack, quitschgrün und eine Sonnenblume in der Hand. Um den Hals eine alte analoge Fotokamera. Leise redet er vor sich hin.

„Wenn ich im richtigen Moment am richtigen Ort bin, naja, oder zumindest weiß, dass ich richtig sein könnte, … oder wüsste wohin ich wann sein muss, dann wäre das doch super.“

Er setzt sich auf die Bank ohne den Rucksack auszuziehen, sodass er nicht richtig sitzen kann. Er versucht es sich bequem zu machen, was aber nicht funktioniert. Er bleibt schließlich in einer etwas schiefen Lage sitzen, die Sonnenblume vor sich haltend, als ob er auf einen Bus wartet. Er wendet sich zu beiden Seiten um. Wiederholt es einmal. Dann schaut er auf sein Armgelenk, trägt aber keine Uhr.

Zu sich redend, aber deutlich

„5 Uhr 10. Kacke, schon wieder nicht geschafft.“

Er bemerkt die Zeitung neben sich, legt die Blume daneben und liest laut daraus vor.

„Ein Kranich flog gestern Nacht um 0:45 Uhr über das Haus der Familie Zogle, der von der Nachbarin gesehen wurde… nur wenige Minuten später fing es an zu regnen und sie musste das Fenster schließen.“

Der Mann schaut unverständnisvoll und fragend ins Publikum. Wendet sich wieder ab und nuschelt nur:

„Ah so’n Schmarrn hab ich ja lang nicht mehr gelesen.“

Die Frau mit dem Pudel tritt erneut auf die Bühne, von rechts kommend, zieht den Hund hinter sich her, der nicht mehr laufen will und schimpft leise vor sich hin. Sie bemerkt den jungen Mann nicht auf der Bank.

Der junge Mann schaut ihr nach, legt dann die Zeitung wieder hin und geht ihr scheinbar nach, die Blume lässt er auf der Bank liegen.

Szene 3

Es regnet und blitzt. Abgedunkeltes Licht, vereinzelt Blitze, Regengeräusch, Wassertropfen. Hastig eilen dunkle Gestalten über die Bühne. Alle in schwarz, einzelnd, zu zweit, mit und ohne Regenschirm (schwarz). Abwechselnd von links nach rechts, quer, durcheinander. Schwach ist eine Person auf der Parkbank zu erkennen. Seine Umrisse sind leicht beleuchtet, Licht von hinten. Neben der Person sitzt der Pudel. Die Leute verschwinden, nach kurzer Zeit hört der Regen auf, es wird heller. Die Frau zieht sich die tief ins Gesicht hängende schwarze Regenkapuze aus dem Gesicht, holt ihre Zigaretten aus der Jackentasche und zündet sich eine an. Ihr Blick wandert zur Sonnenblume. Alles ist nass, tropft, glänzt im „Sonnenlicht“. Dann kramt sie in ihrer kleinen Tasche und holt ein Foto heraus. Sie lächelt.

„Tja, dass hättest du wohl nicht gedacht, lieber … Da sitz ich hier und denk an dich wegen irgendsoeiner Sonnenblume die irgendwer liegen gelassen hat neben einer aufgeweichten halb zerfallenen Zeitung.“

Sie zieht noch einmal tief an der Zigarette, steckt das Foto zurück, zieht an der Leine des Hundes als Zeichen, dass sie gehen will und steht mit einem „Vamos“ auf. Sie wieder links von der Bühne ab. Die Zigarettenschachtel hat sie liegengelassen.

Der Mann mittleren Alters taucht auf, in der Hand einen eingepackten Sandwich zielgerichtet auf die Bank. Er setzt sich auf die gleiche Stelle, wo die Frau gesessen hat und packt sein Brot aus. Währenddessen spricht er zum Publikum.

„Wissen Sie, dass ich den Sandwich immer vom Kaiser Schemel hole, gleich hier ums Eck? Sehr zu empfehlen. Günstig und gut. Mit Käse aus der Schweiz. Oder Österreich, wie auch immer.“

Er bleibt bei den Zigaretten hängen, lächelt und legt das Brot zur Seite.

„Seit drei Wochen nicht mehr geraucht und jetzt, siehe da, ein Geschenk Gottes!“

Ohne zu zögern holt er sich eine raus, riecht an ihr, steckt sie in den Mund, raucht ohne sie anzuzünden.

„Was soll’s, auf die alten Tage bringt’s ja auch nichts mehr. Schließlich möchte ich ja net ewig leben.“ (er lacht kurz auf) „Also, so 80 vielleicht, aber dann… keiner will doch als armer Krüppel unter ner Zeitungsdecke versauern. Und dann noch die Ratten der Oberschicht! Ne danke, wenn die an mir vorübergehen ohne mich eines Blickes zu würdigen, ne danke, da will ich sicher net ewig leben.“

Der junge Mann mit grünen Rucksack taucht von links auf und sieht den Mann auf der Bank, zögert kurz, geht aber dann hin.

„Is hier noch frei?“

„Klar doch, Junge.“

Kurzes Schweigen, Der Mann kramt in seinen Taschen, findet aber kein Feuerzeug.

„Naja, was solls. Was solls.“

Er steckt die Zigarette zurück, nimmt wieder seinen Sandwich und isst.

Der junge Mann sitzt wieder leicht schrägt auf der Bank, der andere Mann nach hinten gelehnt, kauend, genießend. Zwischen ihnen die Zeitung, Zigaretten und Sonnenblume.

„Ach, die hab ich ja ganz vergessen.“

Der junge Mann schaut auf die Blume ohne sie aufzuheben.

„Wissen Sie, dass ich die aus Italien mitgebracht hab? Sieht total echt aus, isse aber nicht. Hab sie geschenkt bekommen. So gut wie zumindest, hat mich nur 50 Cent gekostet. Keine Ahnung warum ich sie bis hierher geschleppt hab, eigentlich ganz schön hässlich.“

Kurze Pause

Der junge Mann redet weiter.

„Das heißt nicht, dass ich Blumen nicht mag, aber so n Plastikzeug ist ja nicht so das Wahre, oder?“

Er schaut den Mann neben sich an, der ist aber nur mit seinem Sandwich beschäftigt. Dann wendet der Mann mit Sandwich sich ans Publikum.

„Wissen Sie dass ich eine Reise nach Italien schon immer machen wollte, es aber nie geschafft habe? Jetzt kommt dieser Taugenichts her und schwafelt mich voll mit Plastikscheiß.“

Die Frau tritt auf die Bühne, ohne Pudel. Sie trägt lockere Sommerkleidung, die Haare offen. Sie bleibt hinter der Bank stehen, ihr Blick auf die Zigarettenschachtel.

„Hab ich mir doch gedacht, dass ich sie hier gelassen hab. Danke fürs aufpassen.“

Sie nimmt sich die Schachtel, vornübergebeugt, mit leichten reizvollen Bewegungen, spielend mit den Blicken der Männer.

„Wollt ihr auch eine?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, zieht sie drei raus, eine steckt sie sich in den Mund, die zwei anderen gibt sie den Männern. Dann kramt sie das Feuerzeug aus der Tasche und zündet sie sich genüsslich an. Sie bläst den Rauch nach oben und gibt dann das Feuerzeug an die beiden. Der Mann mittleren Alters nimmt es sich zuerst.

„Danke.“

Still rauchen die drei ein paar Züge, die Frau zwischen den beiden Männern hinter der Bank stehend, der junge Mann schräg sitzend, der andere Mann zurückgelehnt , breitbeinig.

Die Frau wendet sich an den älteren Mann.

„Saßt du nicht gestern auch schon hier?“

„Wer, ich?“

„Ja, du“

„Wieso?“

„Na, einfach so.“ Sie zuckt mit den Schultern, scheinbar akzeptiert sie, dass das Gespräch nicht ausgebreitet werden kann.

„Bin jeden Tag hier.“

„Und du? Wo solls denn hingehen?“ (Frau zu jungem Mann gewandt)

Der junge Mann versucht sich zu der Frau umzudrehen, was ihm aber nicht so einfach fällt. Dann sitzt er wieder in seiner eigentlichen schrägen Position.

„Bin grad aus Italien wieder zurückgekommen, jetzt geht’s erst mal ab nach Hause. Leider“

Stille. Alle ziehen einen Zug.

Der andere Mann beißt ein Stück Sandwich ab.

„Und du? Wo ist dein Hund?“

Frau schaut den jungen Mann fragend an, dann scheinbar wie eine Standardantwort.

„Hundesitterin.“

Die beiden Männer machen ein überraschtes Gesicht. Die Gesichter sind nach vorne gerichtet, Blick über das Publikum gerichtet.

Die Frau grinst in diesem Moment. Der Moment hält kurz an.

„Du bist wohl auch öfters hier, was?“

Sie zieht wieder an ihrer Zigarette. Ihre Hand auf der Bankrückenlehne gestützt, dem jungen Mann zugerichtet.

Der Mann mittleren Alters schiebt sich den letzten Bissen in den Mund, steht auf, zieht ein letztes Mal an der Zigarette, drückt sie am Boden aus, verbeugt sich vor der Frau, bedankt sich für die Zigarette und geht mit den Worten ab.

„Bis morgen“

Die Frau schaut ihm ausdruckslos hinterher.

„Kennst du den?“

„Ne, noch nie gesehen. Is anscheinend nicht so gesprächig.“

„Scheint so.“

„Hm. Jeder anders, nicht?“

„Scheint so.“

Stille. Die Frau zündet sich eine neue Zigarette an.

„Hast du Lust mit zu mir zu kommen?“

Stille. Der junge Mann wird scheinbar nervös, eingeschüchtert.

„War nur so ne Idee. Vielleicht dann beim nächsten Mal.“

Der Mann reagiert immer noch nicht, raucht und wirkt auf einmal steif.

„Na gut, weiß Bescheid. … Ich geh dann mal.“ (Frau geht ab, sichtlich gelangweilt)

Der junge Mann bleibt auf der Bank sitzen. Das Licht wird leicht abgeschwächt. Ein kleiner Hund rennt über die Bühne und verschwindet wieder. Ein zweiter Hund etwas größer kommt von der anderen Seite, bleibt kurz bei dem jungen Mann, geht dann ab.

„Scheiß Frauen.“

Der junge Mann geht ab.

Black

Szene 4

Shot auf linke Seite, Bank nicht zu sehen. Leerer Raum. Beleuchtet wird nur die Frau, die sich die Haare kämmt, auf dem Boden sitzend. Sie summt. Sie trägt Unterwäsche und eine Krawatte um den Hals, die Krawatte von dem Mann mittleren Alters.

Sie redet zu einer scheinbar anwesenden Person hinter sich in einer aufgesetzten freundlichen Stimme.

„Schatz, weißt du, dass du eigentlich aufhören wolltest mit dem Rauchen? Hab ich mir doch gedacht, dass du schwach wirst, wenn ich sie für dich liegenlasse.“

Stille.

„Und dass du so ganz und gar unkommunikativ bist … der arme Junge, der war ja völlig durcheinander.“

Stille.

„Kannst du mir bitte einen Bademantel bringen, Schatz? Es ist doch etwas frisch hier, hast du die Fenster etwa aufgemacht?“

Stille. Ein Schuss. Die Frau lächelt.

Black

Szene 5

Parkbank, Tageslicht

Blätter wehen vorbei. Herbstatmosphäre. Der junge Mann tritt auf, ohne Rucksack, dafür mit dem Pudel hinter sich. Er scheint sichtlich unzufrieden. Er zieht sich die Jacke enger und verschränkt die Arme.

Bei der Bank bleibt er stehen, setzt sich nach kurzem Zögern. Die Zeitung hängt teilweise zerfleddert zwischen der Bank fest, die Blume ist beinahe farblos und hängt am Ende der Bank zwischen Rückenlehne und Sitzfläche, einzelne leere Zigarettenschachteln liegen auf dem Boden und auf der Bank. Er blickt nach vorne, der Hund neben ihm am Boden sitzend. Leises Windgeräusch.

„Weißt du Benno, dass du echt mal verdammtes Glück hast? … Du kriegst Essen, wirst spazieren geführt, hast n warmes Zuhause, kriegst ab und zu n paar Leckerli und n paar Streicheleinheiten. … Mensch Junge, du kannst dich echt mal glücklich schätzen.“

Er holt sich eine Zigarette aus der Tasche und lehnt sich zurück. Beine breit, erinnert an die Haltung vom Mann mittleren Alters. In der Tasche holt er eine Zeitung hervor, liest sie nicht, aber legt sie neben sich.

„Da sitz ich nun hier. Mit dir. Und was machen wir? Den beschissenen Tag genießen, oder?“

Er zieht erneut, lehnt seinen Kopf zurück und bläst nach oben.

„Weißt du, was ich am liebsten mag, Benno?“

Er wendet seinen Kopf wieder nach vorne.

„Italien.“

Black.

© anette siegelwachs, 2010